II.I. Seraphia.
Vom Glanz erblindet.
Sie verschmähte Eitelkeit und Prunk, verachtete Glanz und Pracht. Wusch sich rein von jedem schmutzigen Verlangen, das sie dazu verführen wollte, zu sein wie die anderen. Die Gier, die in geschminkten Augen lechzte, die Wollust, die in jeder schlangenhaften Bewegung mit ihren Reizen protzte, verabscheute sie.
Sie aß kaum mehr, schnürte sie ein, ihre Brust, schnitt ihre Wimpern ab, bis nur noch ein nackter Blick erschrocken in ihrem Gesicht stehen blieb. Es hatte schon lange das Lächeln des Mädchens abgelegt, das sie einst gewesen war. Damals, als noch ihre langen Locken über ihre Schultern fielen und sich junge Männer noch nach ihr umdrehten - nach ihrem Fleisch und Blut, das sie mit jedem brechenden Mond dafür vergoss Frau zu sein.
Und sie hasste es. Sie hasste alle, die waren wie alle. Hasste ihre kleinen Stimmen und ihre noch kleineren Gedanken, die zu lesen, ein Leichtes war. Sie strotzten vor Nichts, denn sie waren kleine Hüllen die sich damit füllten, was die Welt ihnen bot, was aus dem tosenden Blitzlichtgewitter auf sie herniederprasselte. Stürzten sich gierig auf jene Reste, die für sie übrig blieben, wenn die Vorhänge gefallen und die Gäste der großen Bühnen dieser Welt betrunken weitergezogen waren. Eitel schmückten sie sich mit kaltem Gold und toten Diamanten – und hofften durch und mit ihnen ein bisschen mehr Liebe, ein bisschen mehr Freude und ein bisschen mehr Glück zu finden.
Seraphia war mitten unter ihnen. Sie stand da, aufrecht und mit brennendem Herzen, eine heiße Träne in ihrem nackten Augenwinkel und beobachtete, wie sie gingen, einen Fuß vor den anderen setzten, wie sie einander nachahmten, wie sie gute Mine zum ohnehin verlorenen Spiel machten – und wie sie dabei ihr Schicksal unter Blech und Pomp vergruben.
Mit jeder Faser ihres Körpers wusste Seraphia, dass sie lieber ihr Leben lassen würde, als zu dieser ewigen, blinden Suche verdammt zu sein. Sie spürte einen Hunger nach dem Echten, nach dem Reinen, dem, was zwischen Knochen, Adern und Fleisch unsichtbar blieb und sie doch auf ihren Beinen hielt, die wund waren, vom Davonlaufen, vom sich verstecken in einer Welt, in der alles glänzte und doch nichts aus Gold war.
 
II.II. Johanna.
Bis dass der Tod uns scheidet.
Ihr waren die Hände gebunden. Seit Jahren. Johanna spürte die blutigen Einschnitte an ihren schmalen Handgelenken, auch wenn diese Wunden nur in ihrer Phantasie existierten. Die Wirklichkeit war voll von Verpflichtungen und Versprechen, die eingehalten werden mussten, auch wenn sie mittlerweile auch noch so absurd und bedeutungslos klangen.
Die Frage danach, ob sie ihn noch liebte, erübrigte sich. Sie mochte ihn, ihn und das, was er ihr ermöglichte. Die Türen, die er ihr geöffnet hatte und die Sicherheit, die er ihr an den meisten Tagen bot. Dafür machte sie sich schick für ihn, war fröhlich, wenn er aufgemuntert werden musste und interessiert, wenn es Neues zu berichten gab. Sie zollte ihm Respekt, wann immer es angemessen war, und schenkte ihm Momente der Lust, wenn es seine Blicke forderten.
Und das taten sie oft, denn Johanna war eine schöne Frau. Und wie die meisten schönen Dinge ihres Mannes wurde sie vorgeführt. Lächelnd. Doch sie lächelte nicht, wenn keiner hinsah und ihre Schönheit verblasste von Tag zu Tag unter dem dunklen Schleier der Lüge, in der sie lebte. Sie kämpfte mit sich und ihrem Herzen, den Schein zu wahren. Nicht gegenüber den anderen, sondern gegenüber sich selbst. Sie durfte nicht trennen, was einst für immer verbunden wurde. Konnte den Schwur nicht lösen, den sie selbst ausgesprochen hatte.
In den Armen ihres Mannes war sie schon tausende kleine Tode gestorben. In den Nächten, in denen er ruhig und tief neben ihr atmete, war ihr, als würde jemand ihre Kehle zuschnüren. Und wenn er seine freien Stunden mit ihr verbrachte, fühlte sie sich wie eine Gefangene. Mit jedem hitzigen Streit wurde das Blut in ihren Adern kälter, und mit jeder weichen Entschuldigung, ihr Herz ein wenig härter. Doch sie lebte, und das nahm ihr das Recht, zu gehen.
Mit jedem Tag, den sie bleib, den sie ausharrte im Namen eines alten Versprechens, wurde in ihr eine Stimme immer lauter. Sie erzählte ihr vom goldenen Käfig, zeigte ihr jeden seiner Winkel, und jede Grenze, die er bot. Manchmal öffnete sich der Käfig für ein paar Sekunden und Johanna erschrak vor dem was sie sah, und noch mehr davor, was es mit ihr machte: Die Freiheit, jene Frau sein zu dürfen, die sie wirklich war, rührte eine Kraft in ihr, die sie kaum bändigen konnte. So bewaffnete sie sich mit Argumenten, zog die Grenzen noch schärfer und beobachtete ihre Gedanken wachsam. So lange, bis die Sicherheit, die sie damit wahren wollte, ihr Angst einflößte. Bis der Raum, den sie sich noch zugestand, sie in die Knie zwang. Würde sie weiter kämpfen, würden die Angst und die Enge schließlich siegen. Für immer, bis dass der Tod sie scheidet.
 
II.III. Regina.
Wie schwer wiegt das Zepter des Erfolgs?
Welchen Thron wollte sie besteigen? Welche Kräfte regieren, allein und mit dem Blick eines Richters? Mit verwundeten Ellenbogen, aufgeschunden auf dem Weg nach oben, stand sie da. Karrierefrau wider Willen. Sie hatte sich geopfert für das, was der Erfolg versprach. Die Hände blutig gearbeitet und schmutzig gelogen, um sich messen zu können, mit denen, die bereits ihr Zepter in Händen hielten.
Sie konnte sie nicht ablegen, nicht jetzt, nicht hier, die schwere Bürde erzwungener Männlichkeit. Also analysierte sie, statt zu fühlen, sie berechnete, anstatt sich von dem leiten zu lassen, war man Intuition nannte – und vergaß dabei, dass es einst eine Frau in ihr gegeben hatte, die ganz in ihrer Schönheit und Kraft erblühen wollte.
Doch sie trug ihr Zepter, von Ehrgeiz getrieben, so weit und so lange bis ihre Arme und Beine sehnig, hart und müde wurden. Bis es kaum noch etwas an ihr gab, das weich und lieblich, was verständnisvoll und großzügig war. Sie gab nicht mehr, sie nahm, um in einer Welt zu überleben, in der die Macht des Verstandes über die des Herzens gesiegt hatte. Hier gab es keine Hingabe, nur Taktik, Berechenbarkeit brach jede Leidenschaft und die Angst davor, nicht genügen zu können, jagte sie von einem Tag zum nächsten.
Doch noch mehr fürchtete sie die Gedanken, die im Dunkel jeder Nacht wie Geister an ihr Bett krochen und ihr den Schlaf raubten. Sie zogen an ihr, und schienen ihr die grausamsten Gewissheiten in ihr Ohr zu flüstern. Wie Zeugen für all die Jahre, in denen sie sich selbst verleugnet hatte, plädierten sie für das, was einmal so wichtig, doch heute fast vergessen war.
Mit jeder Erinnerung an alte Träume und Wünsche wuchs in ihr die Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Sie war einsam, war alleine in ihrer viel zu großen Wohnung. Niemand erwarte sie, wenn sie nach Hause kam und niemand verabschiedete sie, wenn sie wieder ging. Zu oft hatte sie jede Gemeinsamkeit und jede Nähe mit der Zeit aufgewogen, die sie investieren musste um mehr zu erreichen - und hatte dabei fast alles verloren.
Nie würde es warm werden in ihr, nie würde sie spüren, wie ein Kind in ihr wächst, nie würde sie Leben schenken können, wenn sie nicht aufhörte, ihr eigenes Leben auf dem Altar des Ruhmes und der Anerkennung zu opfern.
Sie fühlte, wie es sein würde, alleine alt zu werden und alleine zu sterben. Ohne auch nur einmal ganz Frau gewesen zu sein. Dieses Gefühl, entbrannte in Wut und Traurigkeit in gleichen Maßen. Mit einem schweren Schlag fiel das Zepter aus ihrer Hand und zerschellte in die tausend Täuschungen, die es erbaut hatten.
 
II.IV. Katharina.
Kannst du deine Opfer sehen?
Ihr Name war Katharina. Die Reine, die Aufrichte. Die, die ihr Leben dafür opferte, ihren Überzeugungen treu und reinen Herzens zu sein. Doch sie fand nichts an der Bedeutung ihres Namens. Sie würde ihr ohnehin nie gerecht werden - und irgendwie war ihr das egal.
Was hatte sie schon, wofür es sich gelohnt hätte etwas zu opfern? Was war es wert, treu zu sein und wofür hätte sie kämpfen und mit ganzer Kraft einstehen sollen?
Ihr Leben bestand aus nichts außer hunderten Tage, die einander hundertfach glichen, und hunderten kühlen Masken, die sie sich zurechtgelegt hatte, um ihnen zu begegnen. Ihre Zunge und ihr Verstand waren messerscharf. Sie waren die Waffen, mit denen sie sich geschickt verteidigte. War es nötig, gewann sie mit ihnen die eine oder andere Schlacht, oder ließ einen Gegner eingeschüchtert zurück.
Es gab zu viele Fronten, zu viele andere Ansichten und Weltbilder, um noch daran glauben zu können, es wäre möglich, etwas Großes zu bewegen. So hatte sie über die Jahre gelernt, nur noch dann anzugreifen, wenn es sich tatsächlich lohnte: Für sie, für ihre eigene Welt, ihren eigenen Reichtum und ihre liebgewonnenen Besonderheiten.
Das Eigentliche, das, was über allem stand, was auf ewig verteidigt werden hätte sollen, war chancenlos im Rausch dieser Welt. Und mit ihm vergaß Katharina, dass es einst eine Leidenschaft gab, die sie bewegte, eine Kraft, die größer war, als sie es selbst je sein würde. Sie sah, spürte und hörte nichts mehr davon. Ja, mehr noch: Sie hatte sogar aufgehört danach zu suchen.
Doch Katharina war anders geworden. Seit Monaten fühlte sie sich schwach und müde. Fühlte sich gedrückt, von einer unsichtbaren Last, verfolgt von einem Schatten, der jedem Licht zu trotzen schien. Wie sie selbst. Sie nahm immer mehr auf sich, um ihre Masken zu wahren und scheute immer mehr das Licht der Wahrheit. Konnte die feige Frau im Spiegel nicht mehr leiden, denn das Leiden, das sie tief in ihren Augen sah, war selbst auferlegt.
Warum litt sie? Alles war, wie es zu sein hatte. Doch je weiter sie sich von dem, was die einen Glauben, die anderen Vision, und wieder andere Überzeugung nannten, abgewandt hatte, desto heftiger wurde der Druck der jeden Schritt erschwerte. Das Nichtstun, das Vorbeisehen und Weghören lag wie ein schwerer Balken auf ihren zarten Schultern, lähmte ihren Rücken, bis sie nichts als Ohnmacht spürte. Ihre Ohnmacht in der Welt, die sie sich aus tausenden Dingen und Bequemlichkeiten erbaut hatte, leer war jedes Gespräch, dass die spiegelnde Oberfläche nicht durchdringen konnte und leer jeder Wunsch, den ihr geblendetes Herz hegte.
Es tat weh ihrer eigenen Ohnmacht unterworfen zu sein und von ihrer Feigheit verfolgt zu werden. So sehr, dass sie wusste, dass die Zeit gekommen war, für etwas Bedeutendes zu kämpfen: dafür, die Tiefe wieder zu finden, die sie für ein Leben an der Oberfläche geopfert hatte.